ELSE BENNE
Diplom-Volkswirtin
Gestalttherapeutin DVG

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COACHING

Lichtkomposition, Fotomontage

THEORETISCHES

Was ist Gestalttherapie?

Was ist Gestalttherapie?

Mit fast derselben Frage beginnt ein Kapitel des letzten Buches von Fritz Perls, einem der Begründer dieses psychotherapeutischen Verfahrens, und seine ersten Sätze sind:

Die Idee der Gestalttherapie ist es, aus Papiermenschen wirkliche Menschen zu machen. Ich weiß, ich nehme den Mund ziemlich voll. Es ist die Idee, den ganzen Menschen unserer Zeit zum Leben zu erwecken und ihn zu lehren, wie er seine inneren Kräfte nutzen kann, um ein Führer zu sein, ohne ein Rebell zu werden, eine Mitte zu haben und nicht Hals über Kopf zu leben.1)

Nicht übel, oder? Aber er führt auch gleichzeitig ein ernüchterndes Gegengewicht ein, indem er paar Sätze weiter behauptet, daß sich das gesellschaftliche Milieu zum Hedonismus hin gewandelt habe, und wir anfingen, dem Vergnügen, dem Genuß und dem Rausch zu leben. Dies sei ein ernsthafter Rückfall, weil es zur krankhaften Angst vor Schmerz und Leiden führe und wir jede möglicherweise schmerzhafte Frustration zu vermeiden suchten. Das Resultat sei ein Mangel an Wachstum.2)

Eine Frage des Kontakts

In der Gestalttherapie geht es darum,  a l l e n  Erscheinungen des Lebendigen gegenüber offen zu sein. Idealerweise stellt sich ein Mensch sowohl seiner eigenen Innenwelt als auch der Begegnung mit anderen Menschen und seiner Umwelt. Die Begegnung soll exakt an der Grenze zum anderen stattfinden. Dieser Berührung oder Verbindung an der Grenze, dem Kontakt, mißt die Gestalttherapie zentrale Bedeutung bei. Im Kontakt zu sein mit sich selbst oder dem Umfeld, ermöglicht neue, nicht vorherbestimmbare Situationen, die Chancen wie Risiken in sich bergen. Die Auseinandersetzung damit ist die Basis bewußter Entscheidungen und führt zur schöpferischen Anpassung an das Umfeld. Es wird unterstellt, daß der Mensch grundsätzlich die Fähigkeit hat, in jeder Situation für sich zu sorgen und seine Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Fähigkeit zutage treten zu lassen und zu fördern, ist das Anliegen von Gestalttherapie. Anders ausgedrückt sollen lebenslange Lernprozesse angestoßen, soll persönliches Wachstum angeregt werden. Dabei kommt es nicht darauf an, wie wir eine Situation bewerten oder wie wir sie gerne hätten, sondern wie wir mit ihr fertig werden, geradeso wie sie eben nun einmal ist, und daß wir aus dieser Erfahrung lernen. Wenn man bereit ist, sich auch den Widrigkeiten zu stellen, spürt man seine schöpferische Energie und das Wachstum seiner Fähigkeiten unabhängig davon, ob man einen Sieg erringt oder eine Niederlage einstecken muß. (Es gibt allen Ernstes Leute, die behaupten, daß Niederlagen zu nachhaltigerem Lernen führen oder, daß man nur aus Fehlern lernen könne.)

Eine Frage der Wahrnehmung

Kontakt setzt die Bereitschaft und Fähigkeit zur Unterscheidung voraus: etwas kann nur dann anders sein, wenn es entweder im Vergleich zu etwas anderem deutlich abgegrenzt ist oder sich deutlich als Figur/Gestalt von einem Hintergrund abhebt. Ich kann mich nur dann ernähren, wenn ich Hunger spüre und bereit bin, etwas dafür zu tun, um dem abzuhelfen. Um halbwegs gesund zu bleiben ist es aber genauso wichtig zu spüren, wenn ich satt bin, mein Bedürfnis also befriedigt ist und ich mich bspw. wieder dem Schreiben zuwenden kann. Das Spannungsfeld zwischen dem Auftauchen von Bedürfnissen und ihrer Befriedigung muß also wahrgenommen und die darin enthaltene Spannung ausgehalten werden können. Das schließt natürlich die Wahrnehmung mit ein, daß ein Bedürfnis noch nicht befriedigt ist und deshalb weitere Anstrengungen unternommen werden müssen. Und ich muß imstande sein, meine Bedürfnisse und Impulse sinnvoll zu deuten: zum Beispiel keine Schokolade zu essen, wenn ich mich nach Stunden vor dem Bildschirm nicht mehr konzentrieren kann, sondern dem Kribbeln nachzugeben und einen Spaziergang zu machen. Der Gestalttherapie liegt deshalb daran, die Wahrnehmung zu schärfen und Bewußtheit zu fördern. Sie unterstellt damit, daß wir Menschen grundsätzlich dazu in der Lage sind, Wahrgenommenes zu organisieren, zu strukturieren und der Konstruktion, die sich daraus ergibt, einen Sinn zu geben.

Eine Frage des Hier und Jetzt

Wahrnehmung kann nur in der Gegenwart stattfinden. Ich kann mich zwar intensiv mit meiner Vergangenheit beschäftigen, was aber nichts daran ändert, daß ich es  j e t z t  tue. Selbst wenn ich eine Situation aus früheren Zeiten aufs lebendigste wiedererlebe, findet das Geschehen im Hier und Jetzt statt; womit wir bei einem weiteren wichtigen Prinzip der Gestalttherapie angekommen sind. Zwar haben die Gestalttherapeuten das „Hier und Jetzt” nicht erfunden, aber es stellt einen ihrer Eckpfeiler dar. Es wird davon ausgegangen, daß sich alles, was für den Kontakt und seine Qualität bedeutsam ist, in der gegenwärtigen Situation oder Begegnung zeigt und zwar in kontaktfördernder wie in hemmender Hinsicht. Dabei wird dem Beachtung geschenkt und nachgespürt, was zwar offenbar und offensichtlich ist, aber der bewußten Aufmerksamkeit im Alltag oft entgeht. In diesen Prozeß wird alles einbezogen, was wahrnehmbar ist und ausgedrückt werden kann: Gedanken, Träume, Phantasien, Emotionen, Tonfall und Ausdrucksweise der Sprache, Bewegung, Mimik und Gestik, Atmung und Körperhaltung.

Eine Frage des Schließens von Gestalten

Durch dieses Nachspüren, Wahrnehmen, Erforschen können die Verästelungen im Hintergrund zutage treten, zu denen natürlich auch die Lebensgeschichte eines Menschen gehört, die Erfahrungen, die er gemacht hat und die Überzeugungen, die er daraus abgeleitet hat. Manche dieser Erfahrungen sind selbst in der Gegenwart noch peinigend. Und nicht nur schmerzliche Momente können das gegenwärtige Verhalten bestimmen, sondern auch glückliche Erlebnisse oder sehr hohe Erwartungen kann man in so strahlenden Farben leuchten lassen, daß die reale Gegenwart daneben zu Grau verschwimmt. Beide Varianten führen dazu, daß die Lebendigkeit gedämpft, die schöpferische Anpassung erschwert und die Kontaktfähigkeit eingeschränkt wird. In solchen Fällen wird in der Gestalttherapie von „unerledigten Situationen” geredet. Das Pendant dazu wäre in der Umgangssprache „die Leiche im Keller”. Diese „unerledigten Geschäfte”, die nicht oder nicht vollständig verarbeiteten und abgeschlossenen Erlebnisse und Erfahrungen, binden Energie und Kraft. Diese Energie fehlt im Kontakt, und sie kann nicht für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse eingesetzt werden. Die Folge ist, daß real existierende Möglichkeiten nicht gesehen oder genutzt werden können, Lösungen nur schwer zu finden sind oder nur widerwillig angegangen werden. Gestalttherapeutische Arbeit dient also dazu, unerledigte Geschäfte abzuschließen bzw. – um einen Gestaltbegriff zu verwenden – „die Gestalt zu schließen”. Die vollständige Gestalt kann dann im Hintergrund verschwinden, die darin gebundene Energie ist freigesetzt und kann dem bewußten Erleben und Handeln zugeführt werden. Eine „offene Gestalt” ist also im „Hier und Jetzt” erlebbar und kann geschlossen werden. Der blockierte Organismus wird so wieder in Kontakt mit dem Fluß der Lebensenergie gebracht.

Eine Frage der organismischen Selbstregulation

Gestalttherapie versteht den Menschen als Ganzheit, als Organismus, der untrennbar, unteilbar mit seinem Umfeld, seiner Umwelt verbunden ist. Er braucht die Fähigkeit zur Begegnung, zum unmittelbaren Erleben von Gefühlen, um auf bestmögliche Weise zu überleben. Dazu gehört, daß er seine Bedürfnisse wahrnimmt und die notwendigen Schritte zu ihrer Befriedigung einleitet. Dazu gehört auch die Bereitschaft, den eigenen Erfahrungsschatz zu bereichern. Gestalttherapie geht von der Existenz eines Selbst jenseits von Rollen und Schablonen aus, das zur Regulation in der Lage ist, organismische Selbstregulation genannt. Regulation ist ein Begriff aus der Biologie und meint die Regelung der Organsysteme eines lebendigen Körpers durch verschiedene Steuerungseinrichtungen bzw. die Anpassung eines Lebewesens an Störungen. In der Gestalttherapie wird er im selben Sinne verwandt, aber auf die geistige, die psychische Ebene ausgedehnt, da Geist oder Seele und Körper als untrennbare Einheit gesehen werden, als nicht teilbares Ganzes.

Eine Frage der Selbstbestimmung

Organismische Selbstregulation setzt Emanzipation und Selbstbestimmung voraus; ein abhängiges System kann sich nicht selbst steuern, sondern wird gesteuert. Jede Form der Abhängigkeit und Bevormundung setzt folglich die Fähigkeit zur Selbstregulation herab. Damit haben wir die gesellschaftliche Dimension der Gestalttherapie zu fassen – ihre Sprengkraft und Konfliktträchtigkeit. Gestalttherapie bezieht gesellschaftliche Verhältnisse ausdrücklich mit ein und nicht nur implizit durch die Einführung des Feldbegriffes. Die politische Ausrichtung in der Gestalttherapie reicht allerdings von anarchistischen Grundsätzen bis zu konservativen Überzeugungen, agnostische, religiöse und atheistische Haltungen mit eingeschlossen. Diese Bandbreite resultiert u.a. daraus, daß Abhängigkeit und Selbstbestimmung auf vielfältige Weise definiert werden können. Sind wir von der Natur abhängig und müssen wir uns ihr unterordnen oder sind wir mit ihr verbunden und ist deshalb Anpassung vonnöten, aber auch Manipulation erlaubt? Sind wir von gesellschaftlichen Regeln und politischen Systemen abhängig oder bestimmen und verhandeln wir, ob und wie weit sie notwendig sind? Wie verhält es sich mit der Selbstregulierung bei Menschen, die ohne die Hilfe anderer nicht existieren können? Ich will hier nicht weiter auf diese Fragen eingehen, sondern nur aufzeigen, daß sie weder eindeutig noch einfach zu beantworten sind, sondern um Positionen gerungen werden muß. Auch in diesem Zusammenhang ist die Auseinandersetzung unvermeidlich und schöpferische Anpassung erforderlich, um den Reichtum an Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir brauchen also Kontakt, Neugierde auf das Leben, Kritikfähigkeit und die Bereitschaft, Erfahrungen zu machen – auch schmerzliche. Und die Chancen stehen nicht schlecht: Gestaltherapie ist eine Methode, die flexibel und veränderungsorientiert ist, also bestens geeignet für den bis zum Überdruß zitierten steten gesellschaftlichen Wandel. Hier schließt sich der Kreis.

Keine Frage des Glücks

Ziel gestattherapeutischer Bemühungen ist nicht Glück. Zwar laufen ihm die meisten von uns ständig hinterher – ich kenne diesen Massenansturm aus Teilnehmersicht bestens – und manch einer glaubt gar, ein Recht darauf zu haben. Das hat aber trotz aller gegenteiligen Behauptungen bis heute nichts an dessen Flüchtigkeit (der des Glücks) geändert. Glücksmomente setzen voraus, daß man das Gegenteil kennt, sonst kann man überhaupt keinen Unterschied fühlen, also auch nicht glücklich sein. Und Glück ist in höchstem Maße persönlich, so persönlich, daß fast jeder Mensch eine ganz eigene Vorstellung davon hat, die sich fast nie vollständig mit den Vorstellungen anderer Menschen deckt. Ein Umstand, der immer für einen Konflikt in persönlichen Beziehungen taugt, und eine schmerzliche Erfahrung, die jeder macht, der sich auf eine Liebesbeziehung einläßt. Lernen ist ohne Frustration nicht zu bewerkstelligen, es muß immer Zeit und Mühe dafür aufgewendet werden; es ist auch nicht vermeidbar, sich dabei zuweilen dumm vorzukommen. Wir vergessen häufig, daß wir Jahre gebraucht haben, bis wir uns einen Überblick darüber verschafft hatten, was wir mit unserer Zunge alles anstellen können – mancher hat durch das Verfeinern dieser Fertigkeiten sogar ein Lebenswerk geschaffen.

Aber hier und jetzt das Happy-End: es ist durchaus beglückend, sich lebendig zu fühlen – selbst wenn's manchmal weh tut. Das Selbstvertrauen zu haben, daß man sich dem Leben mit all seinen Facetten stellen kann, verschafft einem auch dann Befriedigung, wenn man gerade kein gutes Blatt auf der Hand hat – man spielt trotzdem nach allen Regeln der Kunst zu Ende. In diesem Sinne geht Gestalttherapie über ein psychotherapeutisches Verfahren weit hinaus und wird zu einer Haltung, zur Lebensart – und zu einer Methode, die ihre Alltagstauglichkeit in allen Lebenslagen unter Beweis stellen muß.

1) Fritz Perls, Grundlagen der Gestalt-Therapie, Einführung und Sitzungsprotokolle, 7. Auflage, München 1989, S. 141
2) vgl. ebenda

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Letzte Änderung: Freitag, 13. April 2007
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