ELSE BENNE
Diplom-Volkswirtin
Gestalttherapeutin DVG

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Dezember 2006

EisschneeSonntag, 24. Dezember 2006

Verteidigung des Denkens

Ein kleines, aber feines Buch* hat mich sehr beeindruckt und auf Weihnachten eingestimmt. In ihm widmet sich George Steiner scharfsinnig der Behauptung Schellings, mit der kognitiven Wahrnehmung sei Traurigkeit unumgänglich verbunden. Ohne mich mit Schellings Ansichten über das Wesen der menschlichen Freiheit befaßt zu haben, stellte ich im Laufe meines Lebens fest, daß Denkprozessen der „Schleier der Melancholie” anhaftet – und der Transparenz solcher Prozesse nicht immer Begeisterung zuteil wird. Glücklicherweise konnten mir Bücher beibringen, daß Denken weder glücklich machen muß, noch mit Grübeln gleichzusetzen ist. Selbst keine große Denkerin, bin ich auf die Denkleistungen anderer angewiesen. So ein Geschenk – innigen Dank, liebe Freundin – ist Steiners Traktat, das überzeugend „eine dem Denken anklebende zehnfache Traurigkeit” belegt.

  1. könnten wir entscheidende Fragen weder befriedigend noch abschließend beantworten.
  2. sei das gewöhnliche Denken meistens ein ungeordnetes, dilettantisches Unterfangen.
  3. sei Denken für uns einzigartiges und intimstes Eigentum, gleichzeitig aber auch die gewöhnlichste und abgenutzteste aller Handlungen – ein unauflösbarer Widerspruch.
  4. bekümmere der fundamentale Gegensatz zwischen dem Anspruch der Sprache auf Selbständigkeit und dem interesselosen Streben nach Wahrheit.
  5. gingen viele Erkenntnisse in der gleichgültigen Flut unbeachteten Denkens während unserer unablässigen Selbstgespräche verloren – ein maßloser Verlust.
  6. bestehe zwischen Denken und Verwirklichung eine „mißlingende Beziehung”, und wir könnten weder ohne Hoffnung leben, noch ihre unvermeidliche Zerschlagung verwinden.
  7. verhülle das Denken wahrscheinlich weitaus mehr, als es enthülle.
  8. mache uns das Denken zu Fremden füreinander – „die intensivste Liebe ... ist eine nie abgeschlossene Unterhaltung Einsamer.”
  9. kenne das Genie keine Demokratie, worin das Mißverhältnis zwischen großem Denken und den Idealen sozialer Gerechtigkeit begründet sei.
  10. hebe die Fähigkeit des Denkens den Menschen zwar über andere Lebewesen hinaus, mache ihn aber zum Fremden – sich selbst und der ungeheuren Welt gegenüber.

Ist Denken nicht zu vermeiden, entkommt auch keiner der Traurigkeit, wobei die Qualität der Ausstattung bedeutungslos ist. Diesen „dunklen Grund unseres Daseins” vergleicht Steiner mit der kosmischen Hintergrundstrahlung. Menschliche Existenz bedeute die Erfahrung dieser Melancholie und das vitale Vermögen, sie zu überwinden. Ist Blues oder Kirchenmusik beispielsweise ohne diese schöpferische Kraft der Traurigkeit denkbar? Wie befreiend, wenn sie nicht gleich in depressive Verstimmtheit umgemünzt wird! Steiners Tiefgründigkeit ist Genuß verglichen mit jener absurden Spielart positiven Denkens, die Kritik tyrannisch zu unterdrücken sucht und Schönfärberei zur Lebenskunst erhebt. Gäbe es ohne diese Traurigkeit jubelnde Freude über gute Ideen, tiefschürfende Erkenntnisse oder atemberaubende Entdeckungen? Ich juble zwar selten, würde aber keinesfalls darauf verzichten wollen. Und erst recht nicht auf jene Heiterkeit, die die unumgänglichen Irrtümer des Denkens entschärft. Fröhliche und gedankenreiche Weihnachten!

* George Steiner, Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. 91 Seiten, Frankfurt am Main 2006, Suhrkamp Verlag, ISBN 3-518-41841-6

LeuchtspurFreitag, 15. Dezember 2006

Von Kränen und Menschen

Es kann unterhaltsam sein, wenn Teile eines Krans auf einen Sattelschlepper verladen werden. Erstens ist es beeindruckend, wenn so ein Riesenteil am Ausleger eines anderen Krans baumelt und von vier Menschen mit Feingefühl und Sachverstand auf eine Ladefläche bugsiert wird. Zweitens ist es bemerkenswert, daß dies ohne Absperrung geschieht, und zwei faszinierte Passanten furchtlos direkt unter der schwankenden Last ihre Neugierde befriedigen können. (Der Versuch, dies als Heldentat zu deklarieren wurde allerdings zunichte gemacht. Auf meine in angeberischer Absicht geäußerte Bemerkung, es sei ja immerhin möglich, daß unsereiner damit sein Leben riskiere, erwiderte einer der starken Männer, das täten sie ihrerseits ja auch.) Drittens ist es erheiternd, auch mal bei anderen menschlichen Größenwahn auszumachen. (Nur um solchen kann es sich handeln, wenn ein Menschlein, selbst ein sehr kräftiges, ein tonnenschweres Eisenkonstrukt mit der Schulter zu verschieben sucht, bevor ein Kranführer indirekt Hand angelegt hat.) Viertens ist die Verständigungsbereitschaft eines Kranführers bewundernswert, der aus der Zeichensprache vier herumfuchtelnder Hände, die aussagekräftigsten Gesten auswählt. (Grobe Fehlinterpretationen kann er sich wahrscheinlich nicht leisten, ohne die kleinen Figuren unter ihm wirklich in Lebensgefahr zu bringen.)

Während also zwei vielseitig interessierte Laien gemütlich die haftungsrechtlichen Risiken erörterten, die der Ausführung dieses Arbeitsvorhabens innewohnten, kam eine junge Frau des Wegs. Ohne Zögern fragte sie den Mann an meiner Seite, ob sie den Ort des Geschehens passieren dürfe. Ebenfalls ohne Zögern beschied der Gefragte das Ansinnen abschlägig. Ob ihn der Schalk zwickte oder ein Anflug von Ritterlichkeit – es gibt Männer, die ritterlich sind, ohne den Begriff zu kennen –, weiß ich nicht. Fakt ist, die Frau blieb neben uns stehen, und wir vertieften uns erneut in unsere Fachsimpeleien. Nach einiger Zeit brachte sich die Frau durch die Bemerkung wieder in Erinnerung, jetzt könne sie ja wohl weitergehen. Mein Begleiter wandte sich ihr zu, aber ich habe seine Erwiderung nicht gehört, weil ich bereits in die Analyse weiblichen Verhaltens verstrickt war.

Was bringt unsereinen dazu, den nächstbesten, in der Gegend herumlungernden Mann zu fragen, was wir tun sollen? (Zur Schau gestellte Fachkompetenz kann es in diesem Fall nicht gewesen sein. Zwar ist im Baugewerbe häufig zu beobachten, daß drei Männer arbeiten und einer scheinbar nur zusieht. Selten hingegen dürfte es vorkommen, daß gleich drei Fachkräfte zugucken. Vor allem dann, wenn zwei eher nach streunendem Rentnerpaar als nach Bauleitung aussehen und – inzwischen – in sicherer Entfernung stehen.) Erste Vermutung, das muß was mit Verantwortung zu tun haben. Eigenverantwortliches Handeln sieht ungefähr so aus: Situation in Augenschein nehmen, Gefahr für Leib und Leben abschätzen, sich vielleicht noch am Verhalten anderer orientieren, dann eine Entscheidung unter Berücksichtigung der eigenen Risikobereitschaft treffen. Ein Entscheidungsprozeß dieser Art führt dazu, daß man entweder wartet, bis die vermeintliche Gefahr vorbei ist, oder weitergeht und vielleicht einen Rüffel kassiert. (In einer Situation wie der geschilderten ist ein Unfall nicht sehr wahrscheinlich, aber natürlich trotzdem jederzeit möglich.)

Was hat nun frau davon, wenn sie in solchen Fällen keine Entscheidung trifft, sondern lieber einen Mann fragt? Zur Beantwortung der Frage kramte ich in meinem reichhaltigen Schatz nach eigenen Erfahrungen. Zusammengefaßt förderte ich folgende Vorteile zutage: Erstens wird weniger Aufmerksamkeit an die Umgebung verschwendet, und es bleibt mehr für das Schwelgen in Phantasien. Zweitens ist sofort ein Schuldiger zur Hand, falls die Sache schief geht; so wird wenigstens das hehre Selbstbild durch Fehleinschätzungen nicht in Mitleidenschaft gezogen – der Rest hingegen manchmal schon. Drittens wird durch Kritik verursachte Kränkung umschifft, beispielsweise ein Rüffel. Nachteile? Abhängigkeit und vergeudete Zeit.

Freitag, 08. Dezember 2006

Für meine Freundin aus Wisconsin

Doris, they know how to do it! Nicht nur Dinah Washington wußte es, teutonische Griswolds wissen es auch. Heuer versuche ich wieder, mit meiner kleinen Knipse die Eindrücke und zwiespältigen Geühle wiederzugeben, die diese, von Jahr zu Jahr ihre Leuchtkraft steigernden, Festbeleuchtungen in mir wecken. Dies ist der erste Versuch in diesem Jahr. Es gelingt mir bei weitem noch nicht mittels Fotografieren, aber die Animation vermittelt zumindest schon mal die Dynamik. Einerseits weiß ich, daß ich als Kind ob solch bühnentechnischer Leistungen dahingeschmolzen wäre, andererseits habe ich heute meine Zweifel, ob es sich dafür lohnt, den Klimawandel in Kauf zu nehmen. (Es muß davon ausgegangen werden, daß derartige Inszenierungen in einigen Jahren zur Richtschnur für zivilisierte Lebensart werden, was zwar theoretisch die Strompreise senkt, aber den Energieverbrauch praktisch beträchtlich erhöhen dürfte.) So löst dieser Anblick bei mir nicht einfach nur heimelige Gefühle aus, sondern ist Beispiel für die Zweischneidigkeit abstrakter Theorien (Atommodelle) einzelner, die in der konkreten Umsetzung (Kernspaltung) dazu beitragen, die Tage und Nächte aller zu illuminieren. Zweifelsohne werde ich aber den Menschen unendlich dankbar sein, die sich für einen lichtdurchwirkten Winter engagieren, sollte es mir jemals gelingen, mit einem Foto zum Ausdruck zu bringen, wie modernste Weihnachtstechnik mein krauses Innenleben gnadenlos erhellt – für die Herausforderung und die Anregungen bedanke ich mich jetzt schon.

FallstrickeDienstag, 05. Dezember 2006

Behindern und verhindern

Wie versucht frau das Interesse ihres Mannes von Gummistiefeln abzulenken? Auf die Antwort stieß ich fast im wörtlichen Sinn, als mein Weg den eines älteren Ehepaars kreuzte. (Die Frage stellte sich genaugenommen erst einige Zeit später ein und taugt vielleicht als Preisfrage für den Stammtisch.) Der Mann steuerte zielstrebig Gummistiefel an, die im Eingangsbereich eines Ladens standen, und seine Frau wollte ganz offensichtlich einen Aufenthalt in dem Geschäft verhindern. Energisch sagte sie: "Die sind viel zu schwer, Hinnerk. Das sieht man doch schon, daß die viel zu schwer sind!" Hinnerk beachtete seine Frau nicht, ließ sie wortlos stehen und begab sich zur Stiefelauslage. Beleidigt und frustiert blieb die Frau auf dem Gehweg zurück. Ich setzte meinen Weg fort und sinnierte, weshalb sie nicht die geringste Chance hatte, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.

Anstatt ihre Wünsche zu äußern – zum Beispiel den, nicht aufgehalten zu werden –, versuchte sie, ihren Mann zu manipulieren, indem sie das Objekt seines Interesses mies machte. Dies geschah ohne Rücksicht auf Richtigkeit oder Plausibilität ihrer Behauptung. Nun sind aber Gummistiefel heutzutage nicht unbedingt schwer, und Männer begeben sich beim Kommunizieren gerne auf die Sachebene. Für Hinnerk war also der Einwand seiner Frau barer Unsinn, und Unsinn bedarf keiner Würdigung. So konnte er sich seelenruhig, ohne einen Gedanken oder ein Wort an seine Frau zu verschwenden, den Gummistiefeln widmen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie vor Wut gekocht und die Wartezeit dazu genutzt hätte, eine Strafaktion in Erwägung zu ziehen, um so den Tag mit Spannung anzureichern. Mir hat die kleine Episode zu der Einsicht verholfen, daß das direkte Äußern von Bedürfnissen zwar nicht zwangsläufig dazu führt, daß sie auch berücksichtigt werden oder durchsetzbar sind, aber wenigstens verschafft man sich Gehör und kann verhandeln. Auf jeden Fall werden die Fallstricke unnötiger Widersprüche und irreführender Umwege vermieden – und oft die eine oder andere Kränkung ebenfalls.

FamilienidyllFreitag, 01. Dezember 2006

Familiensagas, Fortpflanzung und der Sinn des Lebens

Vor kurzem las ich eine Familiensaga zu Ende, an der ich monatelang herumgelesen hatte. Es zog sich deswegen so lange hin, weil der Roman mich trotz seiner literarischen Qualität langweilte. (Über das den Bezugsrahmen bestimmende historische Geschehen der letzten hundert Jahre war ich bereits hinreichend informiert, und die politischen Positionen stimmten häufig mit meinen eigenen überein, was bei achthundert Seiten Langeweile erzeugen muß.) Nach dem Durchgewurstel stellte sich aber nicht etwa Erleichterung ein, sondern es blieb ein stumpfsinniges Gefühl zurück, ein Hauch von Trost- oder Hoffnungslosigkeit – nach soviel Langeweile allerdings ein durchaus interessanter Umstand. Selbiger wurde durch die im Roman verflochtenen Paargeschichten – keine unwesentliche Zutat für Familiensagas – hervorgerufen, die alle dasselbe Muster aufwiesen. Männer und Frauen taten sich zusammen, mal mit mehr, mal mit weniger Leidenschaft, heirateten, bekamen Kinder, die Liebe verabschiedete sich aus ihrem Leben und mechanische Routine stellte sich ein. Sie starben entweder auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung oder nach endlosen Jahren des Verfalls, gefolgt von der nächsten Generation, die auch nicht besser dran war. Nur die jüngste Generation blieb von der Wiederholung des Kreislaufs verschont, nicht, weil sich Veränderungen abzeichneten, sondern weil der Roman vor dem Einsetzen der nächsten Runde endete. Nun mag man einwenden, daß so halt das Leben sei: Fortpflanzung und die Versorgung des Nachwuchses bestimmten nun einmal das individuelle Schicksal. Eben. Die isolierte Betrachtung dieses verdichteten Musters, der Sinn des Lebens beschränkt auf die Reproduktion, hinterläßt einen schalen Nachgeschmack. Nach der Besichtigung einer Legebatterie sind Brathähnchen selbst für den leidenschaftlichen Liebhaber derselben beim Verzehr noch eine Zeitlang mit Hautgout behaftet.

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© Else Benne 2006