ELSE BENNE
Diplom-Volkswirtin
Gestalttherapeutin DVG

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November 2006

VergittertDienstag, 28. November 2006

Unbeschwerte Kindheit

(Wenn Gedanken Nachkommen zeugen, folgt dem Nachklapp ein Nachklapp.) Kostenpflichtige Angebote fürs Handy oder im Internet könnten für etliche Kinder zur Schuldenfalle werden, so daß ein eigenes Bankkonto in unerreichbare Ferne rückt, wenn sie erwachsen sind. Dann ziert den Gabentisch am Tag der Volljährigkeit höchstens ein SCHUFA-Auszug. Vielleicht sind sie auch aus dem Verkehr gezogen, weil sie es einfach nicht lassen konnten, Bono und Heino in einem Clip gemeinsam auftreten zu lassen. Oder sie mußten unbedingt vor laufender Videokamera rumhampeln, untermalt von einem 99-Cent-Stück, das gerade hip war. Und sie mußten das Ereignis unbedingt im Internet dokumentieren, um nicht vor Stolz zu platzen, weil sie sich genauso hinreißend fanden wie das von ihnen angebetete Idol.

Daß alle hinter Gitter gehören, die sich einbilden, über Kultur-Massenware verfügen zu können, mit der sie überall permanent und ungefragt beschallt werden, wurde uns ja nun weltweit in monatelangen Kampagnen eingetrichtert. (Müssen wir künftig auch unsere Klamotten mieten? Mit RFIDS könnte das sogar funktionieren.) Ich bin eine sehr strenge Verfechterin des Respekts vor geistigem Eigentum und finde ordnungsgemäßen Umgang mit selbigem auch in der Grundschule angemessen. Aber Kinder schon deshalb der kriminellen Energie zu bezichtigen, weil sie die Welt der Erwachsenen imitieren, beraubt sie der Möglichkeit, sich an diese Welt anpassen zu können. Das ist ungefähr so, als wäre unsereiner früher wegen nicht abgeführter GEMA-Gebühren verdonnert worden, weil er auf dem Dorfanger „Ich will 'nen Cowboy als Mann” sang, und das halbe Kaff sich königlich amüsierte. Ich würde mir „Yellow Submarine” nie wieder anhören, wenn ich es auf der Straße nicht mehr pfeifen dürfte! (Wohlgemerkt, hier ist weder vom Kommerz mit Bootlegs, Raubkopien und dergleichen mehr, noch von Produktpiraterie die Rede!)

Zum Anpassungs- und Entwicklungsprozeß gehören bei Kindern nun mal Identifikation und Imitation. Und dies muß unweigerlich über Konsumgüter erfolgen, wenn in einer Zivilisation Konsumption alle Lebensbereiche bestimmt, elektronische Medien vorherrschend sind, jede subkulturelle Ausdrucksform sofort zum Trend erhoben und vermarktet wird, und sogar gängige umgangssprachliche Phrasen vor dem markenrechtlichen Zugriff nicht sicher sind. Da bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten zum Selbstausdruck und Sichausprobieren, und die Kinder landen zwangsläufig bei der Collage, der Kopie oder in der virtuellen Realität, bei Computerspielen jeder Art, Modifizierung inbegriffen. Das alles wird aber von Erwachsenen entwickelt, produziert und kontrolliert. Gleichzeitig generiert der Absatz von Technik, die solche Spielereien erst ermöglicht, pralle Umsätze. Die Kids machen mit ihren mehr oder weniger gelungenen Erzeugnissen dagegen meistens keine Kohle. Im Gegenteil, nahezu jede Aktivität, der sie überhaupt nachgehen können, kostet Geld – das sie nicht haben. Parallel dazu wird ihre körperliche Bewegungsfreiheit eingeschränkt mangels begehbaren Raums, wegen hoher Unfallrisiken oder zwecks Haftungsausschluß. Selbst herumklettern auf Bäumen kann Elfjährigen abschreckenden Polizeigewahrsam einbringen, so jüngst in den USA geschehen. Was also sollen sie tun? Im Laufstall bleiben? Und was wird dann aus meiner Rente?

UmbauFreitag, 24. November 2006

Nachklapp

Meine „gemischten” Gefühle bzgl. des Internets und des Bloggens resultieren aus Gedanken, die um die Folgen unserer Datenspuren kreisen. Werden Jugendliche, die sich aus einer Laune heraus vor einem Millionenpublikum weltweit zum Affen machen, dadurch ihr Leben lang auf die unbedacht gewählte Rolle festgelegt und sozial benachteiligt sein? Führt die Tendenz, Privates oder gar Intimes der Öffentlichkeit preiszugeben, zu Stigmatisierung oder zum Aufbrechen gesellschaftlicher Strukturen, zu mehr Durchlässigkeit, Flexibilität und Toleranz? Auf welche Seite die Münze fallen wird, ist derzeit nicht abzusehen.

Viele Jugendliche verbreiten arglos höchst Persönliches in sozialen Netzen, weil sie in die Welt der Erwachsenen Vertrauen setzen oder naiv unterstellen, daß sie unter ihresgleichen sind. Tatsächlich sind sie fest in der Hand etablierter Erwachsener und von einer Technik hoffnungslos abhängig, die zu kontrollieren oder zu ihrem Vorteil zu nutzen, sie vielleicht niemals imstande sein werden – außer zu Konsumzwecken, versteht sich, und die wenigen ausgenommen, die sich in die Materie einfuchsen, sie zu beherrschen lernen.

Das Internet weckt nicht nur bei der Privatwirtschaft Begehrlichkeiten, auch der Staat langt gerne zu – oft und immer öfter. Erinnert sei an fleißige Datensammler der US-Armee oder -Heimatbehörde, die das Netz durchflöhen, auf der Suche nach geeigneten Rekruten oder möglichen Terroristen, und dabei keine Freunde kennen. Ist sicher auszuschließen, daß in einer zentralen Schülerdatenbank der Bundesrepublik künftig die Datenbestände aller zugänglichen Institutionen zusammengeführt und mit linkischen Selbstdarstellungen aus dem Internet angereichert werden? Oder per Datenaustausch der Schüleraustausch avisiert wird? Ratzfatz ist so eine Zukunftsvision gebastelt, in der Lebensläufe nicht mehr selber geschrieben werden, und man sich den Karriereberater sparen kann.

Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, daß technisch der Schutz vor Datenmißbrauch oder -klau überhaupt möglich ist. Bislang ist noch jedes, als sicher hochgejubelte System geknackt worden, seien es biometrische Ausweise oder Browser. Der staatliche Zugriff kann unter bestimmten politischen Machtkonstellationen sowieso erzwungen werden. Nicht nur aus persönlicher Erfahrung weiß ich, daß es nahezu unmöglich ist, Daten aus dem Netz zu kriegen, egal wie veraltet, falsch oder widersinnig sie auch sein mögen; aus irgendeinem Winkel tauchen sie immer wieder auf und zirkulieren aufs neue. Selbst bei seriösen Großunternehmen kann man sich getrost auf längere Projektlaufzeiten einstellen, will man einen Datensatz gelöscht haben, was nicht immer gelingt. Manchmal hapert's schlicht daran, daß bei der Programmierung der Software bestimmte Löschvorgänge in einzelnen Datensätzen nicht vorgesehen wurden oder immensen Aufwand bedeuten. Kurz und platt formuliert gilt für Datenbestände aller Art: rein kommt jeder, ran kommen Könner, raus kommt keiner. Vorsicht ist nicht Paranoia und durchaus geboten.

BuntbeuleDienstag, 21. November 2006

Wozu soll das gut sein?

Bill Gates tut es, Steve Jobs tut es, Hans und Franz tun es, Liese und Lotte tun es, und selbst das kleine Lieschen Müller läßt sich nicht lumpen – ich tu es jetzt auch.

Seit einigen Jahren verfolge ich neugierig – aus der Ferne und manchmal mit gemischten Gefühlen – die Weblog-Szene. Es ist spannend, an den vielfältigen Möglichkeiten der Informationsverbreitung, Meinungsbildung und des Selbstausdrucks teilzuhaben, die das Internet bietet. (Interessant sind auch die zunehmenden Anstrengungen, dieses bisher noch einigermaßen frei zugängliche Feld einzuschränken und zu kontrollieren.) Dem Mitteilsamen stehen Anwendungen und Techniken für alle Lebenslagen zur Verfügung. Dazu gehören Weblogs oder Blogs, früher Online-Tagebücher genannt, deren Boom auf Publishing-Systemen basiert, die die Veröffentlichung von Webseiten ohne Design- oder technische Kenntnisse zulassen. Das Angebot der „Blogosphäre” ist reichhaltig und umfaßt z.B. Blogs für Künstler wie Photoblogs für jedermann, Unternehmensblogs als Marketinginstrumente und im Dienste der Informationspolitik ebenso wie medienkritische „Watchblogs”. Die Spannweite der Einschätzungen im Hinblick auf die kulturelle Bedeutung reicht von Begeisterungsstürmen über das Herausbilden von „unschlagbarer Schwarmintelligenz” (in präelektronischer Zeit als „Weisheit des Kollektivs” gerühmt) bis zu düsteren Prognosen über die Zerstörung menschlicher Individualität und Kreativität (vormals drohte bloß der Untergang des Abendlandes). Und die Argumente beider Seiten sind beachtens- und bedenkenswert.

Das Phänomen ist nach wie vor trendverdächtig, widersprüchlich, quicklebendig – und mir fehlt meine eigene Haltung dazu. Das Stöbern in Blogs und Informationen darüber haben mir einen Sack voll Fragen beschert: Verstärkt öffentliche Mitteilsamkeit den Hang zur Selbstgefälligkeit? Welche Mühen sind mit Bloggen verbunden und was macht daran Spaß? Wird dadurch der Alltag beeinflußt? Verändert sich die Selbstwahrnehmung? Hat es Auswirkungen auf das soziale Umfeld? Werden neue Fähigkeiten oder Fertigkeiten entwickelt? Entsteht ein Bedürfnis zu schreiben? Regt es zu Ideen an und werden neue Einsichten gewonnen? Was muß an Persönlichem preisgegeben werden, um authentisch oder glaubhaft zu sein? Für mich genug Fragen bzw. Grund genug für dieses Projekt, um auch aus eigenen Erfahrungen lernen zu können.

Es handelt sich dabei (noch?) nicht um ein typisches Weblog. Zum Beispiel gibt es keine permanenten Verweise, um die Einträge einzeln aufzurufen, und sie können auch nicht mit Kommentaren versehen werden. (Auf Kommentare und Feedback freue ich mich trotzdem, aber das geht nur per E-Mail.) Die Inhalte können nicht über Feedreader abonniert werden, und es fehlen auch einige weitere Funktionen wie Trackback und Blogroll, über die Weblogs sonst meistens verfügen. Soviel zur formalen Abgrenzung, die auch einige unangenehme Nebeneffekte wie Spam ausschließen soll. Es ist ärgerlich, wenn bspw. ein schönes Photoblog mit Kommentaren überzogen ist, die auf Sexseiten lotsen sollen.

Entscheidend ist aber, daß ich so weitreichend wie möglich die Verfügungsgewalt behalten will, zum Beispiel darüber, wie lange und in welcher Form die Seiten zur Verfügung stehen. Ich will auch meine Einträge im nachhinein verändern oder löschen können, wenn sie mir nicht mehr passen. Normalerweise sind Weblogs so vernetzt, daß ihr Verschwinden nahezu unmöglich ist und Einträge nicht einfach verändert oder gelöscht werden können bzw. sollen. Ich verstehe zwar die Sehnsucht nach Kontinuität bei einem zur Flüchtigkeit neigenden Medium, dennoch schränkt dies individuelle Freiheit für meinen Geschmack zu sehr ein. Im Vergleich zu früher ist es sogar ein Rückschritt: aus einem Tagebuch konnte man jederzeit Seiten rausreißen. Man konnte auch das ganze Ding verbrennen und damit zur Not verhindern, beschämt oder bloßgestellt oder für den Rest des Lebens zum Idioten abgestempelt zu werden.

Von den genannten Einschränkungen abgesehen, habe ich zumindest einiges von dem, was ich bei Bloggern vermute oder gesehen habe: Neugierde, hin und wieder schräge Gedanken, Bilder zur Illustration. Der Inhalt bleibt auf das berufliche Interesse beschränkt. Das ist bei meinem Beruf, in dessen Mittelpunkt menschliches Verhalten steht, allerdings so weit gefaßt, daß „beschränkt” fast gelogen ist. Im Grunde genommen könnte ich nahezu alles ins Visier nehmen, aber es geht mir um Beobachtungen im Alltag, um die kleinen Begebenheiten am Rande. Welche Gedanken lösen sie aus? Welche Erkenntnisse lassen sich durch sie gewinnen?

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© Else Benne 2006